30-jähriger Krieg in Großeicholzheim

Die Schelle – das frühere Internet, Facebook oder Twitter

Großeicholzheim. (lm) Nennt man es heute Internet, Facebook oder Twitter, so war es früher die Schelle und die markigen Worte des Ortsschellers, der die neuesten Nachrichten unter die Leute brachte. Dieser historischen Bedeutung bewusst, konnte nun das örtliche Museum im Schloss mit der Schelle des letzten Ortsschellers H. Gehringer bereichert werden. Gleiches gilt für das Gerichtsbuch von 1628 und das Original-Dokument zum Westfälischen Frieden von 1648, die ebenfalls an den Museumssonntagen besichtigt werden können.

Zum Auftakt des neuen Museumsjahres im Wasserschloss stellte der 1. Vorsitzende des Vereins „Großeicholzheim und seine Geschichte“ Günter Schmitt-Haber die neuen Errungenschaften vor und betonte, dass der Verein auch in diesem Jahr wieder ein buntes, interessantes und unterhaltsames Programm während der Öffnungszeiten auf die Beine gestellt habe. Den Auftakt bildete ein fach- und sachkundiger Vortrag von Bernd Fischer aus Einbach zum Thema: „Großeicholzheim im 30jährigen Krieg“. Schriftführer Richard Weber stellte den Referenten vor und erläuterte die neu renovierten Grundlagen zu diesem interessanten Thema. Der Vortrag von Bernd Fischer, der auf einer Anregung von Helmut Kegelmann basierte, nahm die im Museum neu ausgestellten Dokumente als Grundlage, da im Jahre 1628 während des 30jährigen Krieges in Großeicholzheim ein Gerichtsbuch angelegt wurde. Darin hat der Gerichtsschreiber säuberlich die Gerichtsbeschlüsse niedergeschrieben. Dieses wertvolle, aber im Lauf der Jahrhunderte sehr ramponierte Buch hat der Verein GusG mit Hilfe der Gemeinde Seckach durch eine Buchrestauratorin in Bamberg neu binden lassen und nun erstmals wieder der Öffentlichkeit vorgestellt.

Der Referent stellte in seinem Vortrag, den wir nur auszugsweise wiedergeben können, die politischen und militärischen Bedingungen dar, unter denen dieses Buch entstanden ist. So galt der 30 Jahre andauernde Krieg zwischen den Jahren 1618 und 1648 als die größte Katastrophe in der Geschichte Großeicholzheims. „Kein anderes Geschehen, das uns überliefert ist, hat im Dorf so viele Menschenleben gefordert und so viel Eigentum vernichtet“. Tragisch für das Dorf sollte es auch sein, dass sein Landsherr Pfalzgraf bei Rhein und Kurfürst Friedrich V. am Ausbruch des Krieges führend mit beteiligt war. Als Ursache für das politische Handeln des Kurfürsten nannte Fischer den Verlust der Herrschaft, die Verwüstung seines Landes und die Erleidung großer Schäden bei seinen Untertanen. Bis zum Sommer 1620 hatte die Bevölkerung im Odenwald und Bauland kaum Notiz von den Ereignissen genommen, die seit dem Prager Fenstersturz die europäische Politik in Atem hielten. Doch als über die Fernwege in unserer Gegend fremde Kriegsleute zogen, horchte man auf. Im März 1622 wurden unter der Aufsicht des mainzischen Landhauptmanns vierzig bayerische Munitionswagen von Miltenberg über Amorbach und den Mudauer Odenwald nach Mosbach geführt, die zu den Truppen von Feldmarschall Tilly gehörten und sich gegen die Pfalz wandten. Im Jahre 1628 wurde in Großeicholzheim ein neues Gerichtsbuch angelegt, das sich bis heute im Gemeindearchiv erhalten hat. Das Dorfgericht bestand aus dem Schultheißen und neun Richtern, die über Streitfälle (nicht Kriminalfälle) im Dorf Recht sprachen.

Nach zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen, Plünderungen von umherziehenden Soldatentrupps, Brandschatzungen und viel Elend in der Bevölkerung läuteten die Glocken schließlich 1648 die Kunde vom sog. Westfälischen Frieden. Es war der reformierte Pfarrer Jakob Meyer aus Winterthur in der Schweiz, dem nun die Aufgabe zukam, der Großeicholzheimer Gemeinde ein guter Seelsorger zu sein. Nach den Kriegsturbulenzen begann er im Jahre 1650 mit der Anlegung eines Kirchenbuches für die geborenen, getrauten und verstorbenen Gemeindemitglieder. Dieser Verbindung in die Schweiz basierend wisse man aus Kirchenbucheinträgen, dass 18 junge Großeicholzheimer aus diesem Land kamen und dass sie mit denen, die hier überlebt hatten, das Dorf wieder aufbauten und Großeicholzheim eine Zukunft gaben, berichtete Bernd Fischer abschließend seines Vortrages.