Ein Bericht aus der Rhein-Neckar Zeitung

 

Goethe, Ginkgo und glänzende Karossen

Kutschen-Staffelfahrt erinnerte an Goethes Reise durch die Region - Dichterfürst küsste erneut - Viele Schaulustige entlang der Strecke

05.10.2015, 06:00 Uhr

 

 

Neckar-Odenwald-Kreis. (adb) Vor genau 200 Jahren reiste Johann Wolfgang von Goethe von Heidelberg nach Weimar. Grund genug für Wolfgang Häfner (Eberstadt), die Zeit ein wenig zurückzudrehen und Goethe noch einmal auferstehen zu lassen. Neun Kutschen, zahlreiche Helfer und nicht zuletzt die Aktiven des Stauferpfalz-Festspiels Bad Wimpfen halfen ihm am Samstag tatkräftig dabei.

 

Um der historischen Vorlage gerecht zu werden, war man bestrebt, sich weitestgehend an die in den Aufzeichnungen des Sulpiz Boisserée dokumentierten "Originalschauplätze" der am 7. Oktober 1815 stattgefundenen Reise zu halten. Los ging es morgens in Neckarelz. Trotz feiertags hatten sich kurz vor 9 Uhr bereits 50 Gäste vor der "Alten Posthalterei" in Neckarelz eingefunden. Walter Hoffmann, der diesen Sommer in Wimpfen den "Salzbaron" mimte, sieht dem Dichter und Denker sogar richtig ähnlich. Erster Halt war der Mosbacher Marktplatz. Hier erzählte Wolfgang Häfner dem zusteigenden Bürgermeister Michael Keilbach, wie er auf die Idee mit der Goethe-Tour kam. Alles begann vor fünf Jahren. Damals las er Günther Ebersolds Buch über "Die von Mosbach nach Buchen ‚ziehende Chausee’ und Goethes Reise im Jahr 1815". Die Lektüre habe ihn so begeistert, dass er sie "weiterspann". Auch Bürgermeister Michael Keilbach musste nicht lange überredet werden, bis nach Schefflenz mitzufahren. Um Pferdestärken zu schonen, wurde die geplante Strecke über die alte Römerstraße allerdings gestrichen.

Danach bereiteten die Großeicholzheimer "Waschweiber" dem Zeitreisenden einen heißen Empfang. "Zum Kuss ist es leider nicht gekommen", kommentiert Günter Schmitt-Haber vom Verein "Großeicholzheim und seine Geschichte" das Geschehen lässig.

Weiter ging es über den Rosshof direkt an das Rüdt’sche Eck, wo der Tross schon von Schaulustigen empfangen wurde: Überhaupt gab es die Tour über viele am Straßenrand stehende Besucher, die sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen wollten, historische Kostüme, edle Rösser und liebevoll restaurierte und glänzende Kutschgespanne zu sehen: Begeistert zeigte sich Anton Kemkemer (Buchen) über die "selten schönen Gespanne", die dann zur Mittagszeit in der Buchener Altstadt alle Blicke auf sich zogen - während das begeisterte Publikum zum Gruß freudestrahlend die Hände erhob, grüßte Goethe aus der schmucken, von Pferden der aus dem Sächsischen Landesgestüt stammenden Rasse "Moritzburger Warmblut" gezogenen Postkutsche des Mudauer Kutschführers Peter Schlär zurück.

Als der dunkelblaue Glas-Landauer vor dem Hotel "Prinz Carl" langsam einrollte, gab es ein großes "Hallo": Goethe hieß mit dem bekannten Gedicht "Ginkgo Biloba" die Buchener willkommen. Auch der aus dem hohenlohischen Fichtenberg angereiste Gesangverein, der eine Anreise von rund 100 Kilometern auf sich genommen hatte, wartete mit Volksliedern auf. Beinahe Volksfeststimmung herrschte unter strahlender Sonne.

Nachdem Bürgermeister Roland Burger und Landrat Dr. Achim Brötel den Dichter begrüßt hatten, ging es in den Schankraum des Hotels "Prinz Carl", wo Goethe nach Herzenslust speisen und trinken konnte - kein Wunder: Hatte er doch in 200 Jahren "Abstinenz" die typisch odenwäldisch-fränkische Gastlichkeit gar schmerzlich vermisst.

Immer mit von der Partie waren die 15 Aktiven des Festspielvereins Bad Wimpfen, die als Komparsen eine würdige Eskorte bildeten: "Zeitgenössische Kostüme hatten wir sowieso noch", bemerkte deren Mitglied Peter Reinmuth gegenüber der RNZ, "also waren wir gern zur Mitwirkung bereit". Darüber freute sich natürlich auch Wolfgang Häfner: "Es war sicherlich viel Arbeit, das alles zu organisieren und die Daten und Orte zusammenzutragen, doch hat es sich gelohnt", zeigte er sich schon in Buchen sehr zufrieden mit dem Verlauf der Fahrt.

Gemütlich zuckelte der Tross dann nach Walldürn, wo Bürgermeister Markus Günther sich erfreut über das Erscheinen des Literaten und seiner Gefolgschaft zeigte. Entlang der Bundesstraße 27 ging schließlich direkt auf das Höpfinger "Quetschefescht" mit MdB Alois Gerig, der dann ebenfalls in die Kutsche stieg, um die letzte Etappe - die über den sogenannten "Zuckerrübenweg" nach Hardheim führte - unter die Räder zu nehmen.

Ganz gemütlich ging es in das Erftal, wo der feierliche "Einzug" auf den Hardheimer Schlossplatz nicht nur der Höhepunkt, sondern auch der Schluss dieser Rundreise war: Wohl zog es Goethe 1815 auch noch in die Main-Metropole Würzburg, doch "schenkte" man sich die letzten 50 Kilometer. Stattdessen ging es, nachdem Bürgermeister-Stellvertreter Lars Ederer ihn begrüßt hatte, in die "Goethestube" des "Badischen Hofs", wo Goethe den bekannten Kuss wiederholte.